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Berliner Polizei durchsucht trans Gesundheitszentrum während eines Treffens von trans Frauen. Was wir wissen

Die Polizei durchsuchte am 18. Oktober das Casa Kuà in Kreuzberg wegen des Verdachts auf illegalen Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, darunter Hormone. Am Samstag demonstrierten rund 500 Menschen unter dem Motto „Hände weg von Trans Leben!“. Dahinter steht eine Versorgungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung, die seit 2023 offen ist.

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Eine Menschenmenge mit Regenbogen-, Trans- und Progress-Pride-Flaggen auf einer Berliner Straße beim Christopher Street Day 2022, mit einem handgeschriebenen Schild „Protect Trans Youth“
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Was das für dich bedeutet

For: Ich lebe in Deutschland und nehme Hormone

  1. Seit einem Urteil des Bundessozialgerichts vom 19. Oktober 2023 gelten geschlechtsangleichende Behandlungen als „neue Methode“, über die der G-BA entscheiden muss, also das Gremium, das den Leistungskatalog der Kassen festlegt. Die Lücke ist weiter offen.

    Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7350, 29.07.2026
  2. Der GKV-Spitzenverband hat klargestellt, dass das Urteil bestehende Versorgung nicht abrupt beenden darf. Ein Antrag der Grünen fordert ein Gesetz und eine Übergangsregelung, damit laufende Behandlungen nicht unterbrochen werden.

    Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7350, 29.07.2026
  3. Bewahre Kopien von Rezepten, Genehmigungen und Schreiben deiner Krankenkasse auf. Wird die Kostenübernahme infrage gestellt, hol dir Rat, bevor du etwas absetzt: bei einer trans Beratungsstelle oder einer Fachanwältin für Sozialrecht.

    TrueQueer-Hinweis

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An einem Sonntagabend in Kreuzberg hatte sich eine Gruppe von trans Frauen zu ihrem wöchentlichen Treffen versammelt. Dann kam die Polizei.

Am 18. Oktober durchsuchte die Berliner Polizei das Casa Kuà, ein trans geführtes Community- und Gesundheitszentrum in der Naunynstraße, während drinnen The Dolls stattfand, ein wöchentliches Treffen für transfeminine Menschen. Sechs Tage später zogen rund 500 Menschen unter dem Motto „Hände weg von Trans Leben!“ durch den Kiez.

Hier steht, was passiert ist, was noch unklar ist und warum trans Menschen in ganz Deutschland genau hinschauen.

Was die Polizei sagt

Laut Polizeiangaben, über die rbb24 und The Local berichteten, waren 38 Beamt*innen im Einsatz. Sie stellten Hormonpräparate, weitere Medikamente, Betäubungsmittel, Datenträger und einen vierstelligen Bargeldbetrag sicher.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte der taz, es gehe um den Verdacht des illegalen Handels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, konkret mit Hormonpräparaten für trans Menschen. The Berliner berichtete über Vorwürfe, Hormonbehandlungen seien ohne ärztliche Aufsicht durchgeführt worden.

Die Berliner Staatsanwaltschaft wertet die Beweismittel aus, die Ermittlungen laufen. Verurteilt wurde niemand.

Was das Casa Kuà sagt

Das Casa Kuà versteht sich als selbstorganisiertes Gesundheits- und Community-Zentrum, das von trans und nicht-binären People of Color getragen wird. Ziel ist, die Gesundheitsversorgung für trans, inter, nicht-binäre und queere Menschen zugänglicher zu machen, besonders für jene, die von Rassismus betroffen sind.

Das Zentrum nannte die Durchsuchung ein „gewaltsames Eindringen in unseren Raum“. Laut seinen Angaben, über die The Advocate berichtete, stellten die Beamt*innen die Identität aller Anwesenden fest, hielten Menschen bis zu vier Stunden im Gebäude fest, durchsuchten Taschen, brachen Spinde auf und nahmen mehrere Kisten mit. Laut Casa Kuà war im Durchsuchungsbeschluss keine einzelne Person namentlich genannt.

Zwei Proteste in einer Woche

Noch am selben Abend versammelten sich rund 140 Menschen zu einem spontanen Protest unter dem Motto „Hormone für alle“, berichtete The Berliner. Es kam zu Rangeleien mit der Polizei, eine Einsatzhundertschaft wurde hinzugezogen. Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano war vor Ort.

Am Samstag, dem 24. Oktober, startete eine angemeldete Demonstration am Mariannenplatz. Die Polizei zählte rund 500 Menschen, so ein dpa-Bericht in der taz. Sie demonstrierten unter dem Motto „Hände weg von Trans Leben!“ für einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung für trans Menschen.

Auch finanziell kam Unterstützung: Eine Spendenaktion für Casa Kuà und The Dolls sammelte innerhalb von 24 Stunden rund 14.000 € von 348 Spender*innen, bei einem Ziel von 22.000 €, berichtete queer.de.

Was Politik und Verbände sagen

  • Maik Brückner, queerpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, nannte den Einsatz „beschämend“ und forderte Aufklärung, berichtete The Local. Laut taz sagte er außerdem, die Bundesregierung komme nicht damit voran, eine Regelungslücke zu schließen, die es trans Menschen erschwert, Hormone in Arztpraxen zu bekommen und die Kosten von den Kassen erstattet zu bekommen.
  • Der Bundesverband Trans* bezeichnete die Razzia laut taz als alarmierendes Zeichen dafür, wie selbstorganisierte Gesundheitsversorgung kriminalisiert wird, während das Regelsystem trans und nicht-binäre Menschen zunehmend im Stich lässt.
  • Pantisano sagte dem rbb24, Strukturen für eine angemessene trans und inter Gesundheitsversorgung in Berlin seien praktisch nicht vorhanden. Er warnte, dass Demütigung, Ablehnung und bürokratische Hürden Menschen zu informellen Wegen der Medikamentenbeschaffung drängen können.
  • Martin Viehweger, ein auf trans Medizin spezialisierter Arzt, sagte demselben Sender, manche Ärzt*innen zögerten, Hormone zu verschreiben, weil sie Regressforderungen der Krankenkassen fürchten, und selbstorganisierte Netzwerke seien oft der einzige Weg zur Grundversorgung.

Die größere Geschichte: Deutschlands Versicherungslücke

Deutschland hat eines der fortschrittlichsten Gesetze zur Geschlechtsanerkennung in Europa. Seit dem 1. November 2024 erlaubt das Selbstbestimmungsgesetz, den Geschlechtseintrag mit einer einfachen Erklärung beim Standesamt zu ändern. Medizinische Behandlungen regelt das Gesetz aber nicht, und genau dort hakt es.

Die gesetzlichen Krankenkassen hatten geschlechtsangleichende Behandlungen seit den 1980er-Jahren bezahlt. Dann lehnte das Bundessozialgericht am 19. Oktober 2023 die Kostenübernahme für die Behandlung einer nicht-binären Person ab. Es handle sich um eine „neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode“, über die zunächst der G-BA entscheiden müsse, der Gemeinsame Bundesausschuss, der festlegt, was die gesetzliche Krankenversicherung zahlt.

Ein Antrag der Grünen im Bundestag vom 29. Juli 2026 beschreibt, was danach geschah. Der GKV-Spitzenverband stellte klar, dass das Urteil die bestehende Versorgung nicht abrupt beenden dürfe, doch eine Rechtslücke entstand trotzdem. Besonders betroffen sind Menschen in laufender Hormontherapie, Menschen, die eine Behandlung beginnen wollen, und nicht-binäre Personen; teils wurden bereits genehmigte Leistungen nachträglich infrage gestellt oder zurückgefordert. Der Antrag fordert die Bundesregierung auf, einen Anspruch auf geschlechtsangleichende Maßnahmen gesetzlich zu verankern, dem G-BA sechs Monate für die Details zu geben und laufende Behandlungen bis dahin zu schützen. Es ist ein Oppositionsantrag und ändert für sich allein nichts.

Das ist der Zusammenhang, den Aktivist*innen meinen, wenn sie sagen, bei der Razzia gehe es nicht nur um ein Haus in Kreuzberg.

Wie es weitergeht

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen weiter, und wir aktualisieren diesen Artikel, sobald es eine Entscheidung gibt. Bis dahin bleibt die Frage, um die es bei den Protesten geht, in Berlin wie im Bundestag offen: Wenn das offizielle System trans Gesundheitsversorgung nicht verlässlich bietet, wohin sollen Menschen dann gehen?

Quellen: The Local Germany (22.10.2026, unter Berufung auf rbb24); The Berliner (20.10.2026); taz / dpa (25.10.2026); The Advocate (23.10.2026); queer.de; Siegessäule (19.10.2026); Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7350; Bundesregierung zum Selbstbestimmungsgesetz. Foto: Lucas Werkmeister, Christopher Street Day Berlin 2022, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.